Rückblick Fachtagung Hören und „Nicht mehr hören“ am 22. August 2026

Am 22. August lud der Landesverband zu seinem Fachtag ein: Ein kurzweiliges Vortragsprogramm zog die vielen Besucher:innen in das David-Wengert-Haus. Nach der Begrüssung des Fachtags durch Dr. Werner Jost, 1. Vorsitzender des Landesverbands der Schwerhörigen und Ertaubten Baden-Württemberg sowie Beirat und Politischer Sprecher im CIV-BaWü, begann der Fachtag mit einem Vortrag von Akustiker Simon Huth aus Stuttgart. Kann Hörtraining sinnvoll sein? Wir alle wissen, dass unser Gehirn nur das verarbeiten kann, was an Hörreizen auch dort ankommt. Bleiben diese Hörreize aus, bauen sich die Verbindungen von Nervenzellen allmählich ab – das Gehirn vergisst, wie sich die Dinge anhören. Das von Simon Huth vorgestellte Renova-Hörtraining trainiert speziell das Wortverstehen, auch bei Hintergrundgeräuschen. Das Hörtraining wird stufenmässig angepasst und trainiert damit auch das Konzentrationsvermögen und das akustische Gedächtnis.

Solchermaßen thematisch eingestimmt, konnte uns Valentin Hoffmann von aucic-Hörzentrum in Dettingen über die Anforderungen bimodaler Hörsystem-Versorgungen berichten, insbesondere über das hierzu geeignete Zubehör. Was ist überhaupt „bimodal“? Es gibt schon einige Abkürzungen und Begriffe, die uns „Hörprofis“ geläufig sind, aber trotzdem gerne erklärt werden: Wir haben die ein- und zweiseitigen Hörgeräteversorgungen, es gibt einseitig versorgte CI-Träger:innen, hier hat sich der Begriff „SSD“ (single sided deafness) eingebürgert. Wer zwei CIs trägt, ist bilaterial unterwegs und schlussendlich kommt es zum Thema des Vortrags: Die bimodale Versorgung, also die Kombination aus Hörgerät und CI. Welches Zubehör zu welcher Versorgungsart am besten geeignet ist, um beispielsweise gleichzeitig auf Hörgerät und CI-Prozessor ein Telefonat oder einen Youtube-Stream zu lenken – alles muss zusammenpassen.

Ottmar Braschler von der Firma Wagenknecht ist kein Unbekannter in unserer „Hörszene“. Immer, wenn es um gutes Hören und Verstehen bei Versammlungen und anderen Veranstaltungen geht, zeigt er uns, wie es geht. In seinem Vortrag konnte er uns anschaulich die Situation in einem Vortragsraum darstellen: Der Sprecher vorne spricht, und je weiter die Stuhlreichen zurückreichen, umso weniger wird verstanden – allein schon deshalb, weil es Hintergrundgeräusche im Raum gibt, die das Verstehen in den hinteren Rängen sehr erschweren. Hier helfen die bewährten FM- und Induktionsanlagen. Aber die Technik geht voran: „Auracast“, ein neuer Hörstandard, soll auch uns Hörsystem-Träger:innen einen direkten Zugriff auf zielgerichtete, auf uns zugeschnittene Informationen bieten. Auf Flughäfen und Bahnhöfen, auf manchen Messen kann man das schon ausprobieren.

Soviel Informationen an einem Vormittag! Das Wetter war schön, also ging es hinaus auf die Terrasse: Eine Schlange vor dem Grill! Matthias und seine fleißigen Helfer:innen haben mal wieder alles gegeben. Die Mittagspause hätte gerne länger sein können, aber das Vortragsprogramm ging ja weiter.

Niemand verliert gerne sein Gehör – egal, ob auf einem oder auf beiden Ohren. Wie Uta Oven damit umging, beschrieb sie in ihrer Lesung „Hören verloren – Hoffnung gefunden“.  Sie beschreibt ihren Weg vom Hörverlust hin zu einem Leben mit Cochlea-Implantat. Das war sehr bewegend und so mancher im Publikum konnte sich hier gut hineinversetzen.

Peter Eberhardt von Iffland Hören in Stuttgart nahm uns mit in ein Thema, das uns derzeit im Alltag, in der Politik und selbst daheim am eigenen Rechner begleitet: Allerorten ist von KI, also der Künstlichen Intelligenz, die Rede. Riesige Rechenzentren, selbständig wirkende Agenten-Programme – wo soll das hinführen und was haben wir Hörsystem-Träger:innen davon? In modernen Hörsystem werden die Hörinformationen nicht mehr nur einfach nach einer Hörkurve angepasst. Das Hörsystem selbst hört in seine Umgebung und die KI versucht, die jeweilige Hörsituation zu erfassen, lernt dabei hinzu und stellt sich in Echtzeit so gut wie möglich so ein, dass Sprachverstehen einfacher möglich ist. Da wird noch einiges passieren und wir hoffen, dass wir Hörgeschädigte auch tatsächlich davon profitieren können.

Kaffee und Kuchen sind angerichtet, ganz ohne KI entstand eine Vielfalt von Leckereien. Ob auf der Terrasse oder auch drinnen, alle ließen es sich gut gehen. Der nächste und abschließende Vortrag des Fachtags wurde von Dr. Werner Jost gehalten und dieses Thema geht uns alle an: Die Teilhabe von Menschen mit Hörbehinderung wird in vielen Verbänden, Ausschüssen und Gremien diskutiert. Ein ganz wichtiger Aspekt ist, die Unterschiedlichkeit von Gehörlosen Menschen, die sich als eigene Kulturgemeinschaft verstehen und die lautsprachlich orientierten Hörgeschädigten Menschen zu beschreiben. Inzwischen ist die Deutsche Gebärdensprache als Sprache anerkannt, jedoch keine Amtssprache. Lautsprachlich orientierte Hörgeschädigte können in der Regel nicht gebärdend kommunizieren – für sie gilt eine Mischung aus Hörtechnik und -Methoden.

Es war ein geballtes Paket an Informationen, die wir nach diesem langen Tag mitnehmen konnten. Aber wie immer: Es hat Spaß gemacht, sich mit bekannten und neuen Gästen auszutauschen. Alle, die an der Organisation dieses Fachtags mitwirkten, hatten sich den Applaus am Ende des Tages verdient!

Rainer Pomplitz

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